Thomas und sein Kampf – Fjällräven Classics 2010

Nachdem Caro ihre Erlebnisse geschildert hat möchte ich meine nicht vorenthalten. Schließlich hatte ich auch mehr Zeit die einen oder anderen Dinge etwas kritischer zu betrachten.

Samstag, 07.08.2010

Kurz vor 9.00Uhr winkte ich Caro noch einmal zu und wünschte ihr viel Erfolg für ihr Vorhaben. Ich selbst reihte mich dann weiter hinten ein, denn ich hatte es nicht ganz so eilig. Auch wollte ich nicht gleich auf den ersten Metern überrannt werden. Da mein persönliches Ziel war bei dieser Veranstaltung „Gold“ zu erreichen, konnte ich aber auch nicht rumtrödeln. Eine konstante Geschwindigkeit gemischt mit regelmäßigen Pausen war der Plan. Erfahrungen mit Strecken über 25km konnte ich noch keine sammeln. Somit war das meine Premiere. Mir war eigentlich nur eins klar. Ich muss meinen Stiefel laufen und mich nicht von anderen ablenken lassen. Gesagt getan…. Pünktlich um 9 ging es auf die Strecke und man stapfte mit den Massen in einer Reihe.

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Keine 5km später am Bootsanleger hatte sich das Feld schon deutlich in die Länge gezogen und es gab bereits die einen oder anderen Momente, die man für sich alleine hatte. Auf der Tour vor den Classics hatte ich mir meine Achillessehne entzündet. Diese stellte zum jetzigen Zeitpunkt meine einzige Sorge dar. Zum Glück hat die Behandlung in den Ruhetagen vorher gefruchtet und in den Trailrunnern (INOV8) gab es keine großen Probleme. 2 Stunden später waren bereits die ersten 10km gelaufen und es wurde Zeit für eine Pause. Nicht zu schnell auspowern. Das erste Polarbröd wurde genossen und der Körper mit ausreichend Flüssigkeit versorgt. Obwohl ich weiter wollte, zwang ich mich die Pause auf 20 Minuten auszudehnen. Diese Taktik sollte sich später echt bezahlt machen.

Zwischendurch überholten mich ein paar Anabolikatypen, die spielend ihren 25kg Rucksack durch die Kante bewegten. Euch bekomme ich schon noch spornte ich mich innerlich an. Dem war auch so. Kurz vor Kebnekaise traf ich sie vollgeschwitzt am Bach und sie wollten wohl an diesem Tag keinen Schritt mehr tun ;) Nach 4,5 Stunden erreichte ich die Kebnekaise Fjällstation und konnte den ersten Stempel für das Tourenbuch abholen. Im Anschluss stand Cola und Schoki auf dem Programm. Füße trocknen, massieren und mit einem paar neuer Socken versorgen. Die Stunde Pause war schnell vorbei und ich fühlte mich deutlich besser als erwartet. Weiter geht’s nach Singi.

Die Strecke kannte ich noch nicht aus dem Jahr zuvor. Schade eigentlich, den landschaftlich für mich eine der schönsten auf dieser Tour. Ca. 7km vor Singi wurden die Beine langsam schwerer. Ich wechselte zwischen schnellem Gehen und leichtem Joggen. Erstaunlicherweise hat das gut funktioniert. Trotzdem hat sich das ganze zum Schluss ziemlich hingezogen. Die Erleichterung bzw. Vorfreude auf eine längere Pause hat mir der Streckenposten in Singi anscheinend angesehen. Schnell Stempel abgeholt und die Nachricht von Caro gelesen. Ich war erstaunt, dass sie bereits nach etwas mehr als 5 Stunden hier war. Es war bereits 20.00 Uhr und ich genoss Rentierfleisch mit Kartoffelbrei im Brot vom Primusstand. Im Gegensatz zu Caro erschien ich wohl sehr leidend, da ich 2 Stück Kuchen bekommen habe ^^

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Gegen 21.00Uhr setzte ich die Reise fort mit dem Ziel Kuoperjåkka. Die Hütte kannte ich von der Vorjahrestour und wusste, dass die Zeltplätze da ganz nett sind. Das Ziel habe ich an diesem Abend aber nicht mehr erreicht. Ca. 2km hinter Singi wurde das Suolo direkt neben dem Weg aufgebaut. 6 Heringe am Boden mussten reichen, denn auf großes Abspannen hatte ich an diesem Abend keine Lust mehr. Also ab ins Zelt. Fußpflege und noch etwas Essen. Der Wecker wurde noch gestellt und dann war ich auch schon eingeschlafen.

Sonntag 8.8.2010

5.00 Uhr morgens war die Nacht für mich zu Ende. Das lag nicht am Wecker. Eher an der Biouhr. Aber weil man schon mal aufgestanden war, kann man dann auch gleich weiter laufen, dachte ich mir.

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Aber Frühstück muss sein. Polarbröd, Salami und Tee ergaben eine köstliche Mischung. Topfit ging es auf die Piste. Die ersten Kilometer gingen wie im Flug vorbei. Aber Sälka war noch lange nicht in Sicht. Der erste Kräfteeinbruch machte sich breit. Ob das gut geht dachte ich mir. Der Weg nach Sälka zog sich ewig. Habe gefühlte 5 Tage gebraucht. Somit konnte ich auch erst gegen Mittag meine nächsten Stempel abholen.

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Das Ziel Alesjaure ist somit in weite Ferne gerückt. Also wurde ausgiebig Mittag gemacht und das Brot mit 2 Cola und einem Red Bull weggespült. Wie in der Werbung wurde wohl jetzt der Motor gezündet. Die Kilometer in bis Tjäktja konnten deutlich schneller und ohne Problem abgespult werden. Selbst der Pass war zügig überwunden. Die Strecke bis zum Checkpoint war zwar wieder etwas langwierig aber pünktlich gegen 17.30 Uhr konnte ich meinen Stempel abholen. Die obligatorische längere Pause nutze man wie immer zur Fußpflege und für nette Gespräche am Wegesrand. Mein Ziel Alesjaure war nun nur noch 11km entfernt. Im MP3-Player liefen gerade die letzten Minuten meines Hörbuches bevor ich nun auf „Motivationsmusik“ umsteigen konnte.

Das war auch nötig, denn es wurde immer später. Der Weg nach Alesjaure lies sich zwar sehr gut laufen, aber meine Kräfte schwanden und die vielen Steine zuvor haben meiner Fußsohle gut zugesetzt. Die letzten 5km des Tages schlich ich nur noch dahin, konnte aber gegen 21.00 Uhr den nächsten Checkpoint erreichen. Die Gelegenheit eine weitere Cola + Schokoriegel käuflich zu erwerben ließ ich mir auch hier nicht entgehen. Der passende Zeltplatz wurde schnell gefunden und das Zelt in Rekordzeit aufgebaut. Noch eine Paracetamol eingeworfen und schon war ich im Tiefschlaf.

Montag 9.8.2010

Irgendwann gegen 6 war die Nacht wieder vorbei. Es regnete leicht und mir tat so ziemlich alles weh was ging.

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Egal, raus aus der Daune. Die paar Kilometer schaffst du nun auch noch. Morgentoilette, Frühstück und den ganzen Rödel verstauen war nach 30 Minuten beendet und so ging es zügig auf die Piste. Nach gut 5 km hatte sich dann auch noch der rechte Oberschenkel verhärtet. Eine Fortbewegung war also nur noch langsam möglich. Ein paar Schmerzmittel sowie etliche Pausen später erreichte ich gegen 14.00Uhr Kieron und damit den letzten Checkpoint vor dem Ziel. Hier traf man auch alte Bekannte wieder und tauschte sich erst einmal über seine Leiden aus. Die Pfannkuchen am Primus stand waren dafür aber überaus lecker und so brauchte ich mich nur dreimal anstellen um satt zu werden ^^ Ein kleiner Kaffee hinterher war die reinste Wohltat.

Im Prinzip hatte ich jetzt noch 19h Zeit für die letzten Kilometer bis zum Ziel. Ich wusste ich kann es schaffen und somit wurde auch die Laune besser. Schließlich hatte ich meiner Frau versprochen pünktlich am 10.08. in Abisko zu sein. Wäre ja auch ne blöde Geschichte wenn man gemeinsam in Urlaub fährt und dann seinen Hochzeitstag nicht gemeinsam verbringen kann. Das Versprechen musste also eingelöst werden. Wenn das keine Motivation ist. Also schlich ich weiter Richtung Ziel. Die letzten 10km wurden zur Hölle. Aber immerhin erhielt mein Mobiltelefon langsam wieder die ersten Empfangssignale. Eine SMS mit dem Wortlaut „ich komme“ wurde schnell versendet.

Damit war klar, heute Abend habe ich es geschafft. Caro kam mir die letzten 2 Kilometer noch entgegen und erleichterte mich meiner Kamera. Die 1,5kg habe ich auch fast umsonst mitgeschleppt, da ich eh kaum zu Fotos gekommen bin. Egal, immerhin der Zieleinlauf konnte nun festgehalten werden. Nach 59 Stunden 13 Minuten und 18 Sekunden wurde mein kleines Büchlein zum letzten Mal gescannt. Das Ziel war im geplanten Zeitrahmen erreicht und ich war glücklich es geschafft zu haben. Als Caro mir ihre Zeit verraten hat, war auch mein erster Gedanke, dass sie einen an der Klatsche hat. Später wurde aus diesem Gefühl stolz. Schließlich bedeutete diese Zeit zum Schluss, dass sie bester deutscher Teilnehmer am Rennen war und mit Platz 20 in der Gesamtwertung eine Spitzenposition erkämpfen konnte. So konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen die Erfolgsmeldung sofort per SMS an gewisse Personen zu weiterzuleiten ^^

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Mit Bier und einem Rentierwrap im Trekkers Inn sowie 2 netten Bekannten aus dem Outdoorforum konnte ich den Abend sehr schön ausklingen lassen.

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Nach der Dusche viel ich allerdings sofort in einen Tiefschlaf und habe die restliche „Party“ leider verpasst.

Ein paar Anmerkungen zur Ausrüstung:

Rucksackgewicht beim Start lag bei ca. 12.1kg inkl. Trinkwasser. War ok, weniger wäre aber besser gewesen.

Kamera war unnötig bei einem solchen Event.

Deuter Trinksystem ist perfekt. Ein ständiges Trinken hilft ungemein und erspart umständliches anhalten.

Osprey Exos 58: Den gebe ich nicht mehr her. Leicht und trotzdem stabil und sehr bequem zu tragen.

Mit dem Hilleberg Suolo habe ich eine gute Zeltwahl getroffen. Mit leichten 2 kg ein stabiles Zelt was ich ohne große Problem überall hinstellen konnte.

Die Kombi NeoAir + RAB Overbag als Schlafsack war ok. Viel kälter hätte es aber nicht werden dürfen, da die Anstrengung einen doch am Abend etwas zittern lässt. Die Wetterprognose sah aber sehr gut aus, deshalb habe ich mir die 0,5kg mehr für den richtigen Schlafsack gespart.

Die INOV8 Trailrunner sind ihr Geld wert. Ich hatte selbst bei den schlammigen Stellen immer trockene Füsse und mit schweren Wanderschuhen hätte ich die Strecke wohl nicht geschafft. Da ich die Strecke aber kannte habe ich mir keine großen Sorgen gemacht. Die Nebenstrecken im Kebnekaisegebiet möchte ich mit diesen Schuhen allerdings nicht laufen.


Ein paar Anmerkungen zu den Classics selbst:

Eine Startgebühr von 140€ sind nach meiner Ansicht für eine solche Werbeveranstaltung nicht gerechtfertigt, da man dafür kaum Gegenleistungen erhält. Die paar Tüten Essen sind jetzt nicht die Welt und auch die Busfahrten sollte für eine Firma wie Fjällräven keinen Beinbruch darstellen. Aber ok, damit konnte ich leben. Am Ziel allerdings erhält man neben seinem Orden (ja sieht aus wie bei der Armee geklaut) eine Plastetüte mit einem Fjällrävenkatalog. Da musste ich schon lachen. Das Teilnehmer T-Shirt zum Beispiel hätte man sich noch kaufen dürfen für 20€. Bei jedem Marathon bekommt man zumindest das dazu. Das fande ich persönlich schon etwas peinlich.

Die Regeln des Events, die da aufgestellt werden sind in Ordnung. Allerdings wurden diese nicht kontrolliert bzw. ist mir nix derartiges aufgefallen. Schon kurz nach dem Start habe ich einige mit dem Boot fahren sehen. Auch haben viele Teilnehmer unterwegs ihren Müll an den Stationen liegen lassen. Das teilweise sogar neben dem Zelt vom Checkpoint. Spätestens hier hätte man auf die Regel, dass alles bis Abisko getragen werden muss verweisen können. Da fehlt mir jedes Verständnis.

Caro erwähnte ja bereits das Vorgaben gemacht wurden zum Rucksackinhalt. Wenn ich so etwas mache, dann muss dies auch durchgesetzt und kontrolliert werden.

Aber es gibt nicht nur Negatives. Auf den Classics ist man mit vielen Menschen in Kontakt gekommen. Es hat Spaß gemacht sich zu unterhalten und sich über die verschiedenen Dinge auszutauschen. Sich gegenseitig zu motivieren und anzufeuern. Das Personal an den Checkpoints war nett und unterwegs wurde man öfters von den mobilen Helfern mit Leckerlies versorgt. An jeder Station konnte man bei Bedarf seine Blasen versorgen lassen (hatte ich zum Glück nicht nötig). Wanderer mit großen Problemen wurden von den medizinischen Helfern gestoppt und kostenlos ausgeflogen. Leute die sich selbst überschätzt haben, durften hingegen für die Flüge zwischen 150€ und 500€ aus eigener Tasche bezahlen.

Für mich selbst muss ich sagen, dass es mir trotz allem Spass gemacht hat. Noch mal möchte ich es aber nicht machen. Außer die Grenze für Gold wird auf 48h herunter gesetzt ;) Die Ruhe im Fjäll und die Zeit zum Fotografieren möchte ich nicht missen. Beide Dinge zu vergleichen wäre aber nicht richtig. Das eine ist ein sportliches Rennen, das andere ist Urlaub. Wer das Fjäll in seiner ganzen Schönheit kennenlernen will ist eindeutig bei den Classics falsch aufgehoben. Dann sollte man lieber das gesparte Geld in bessere Ausrüstung investieren und den Kungsleden in Ruhe bewandern.

8 thoughts on “Thomas und sein Kampf – Fjällräven Classics 2010

  1. Hallo,

    interessanter Bericht aus einer zweiten Perspektive. Das macht die Sache rund und gibt einen guten Einblick in dieses Event. Ich hoffe der Hochzeitstag konnte noch erfolgreich gefeiert werden.

    Herzlichen Glückwunsch zum Gold & Gruß
    Jaddar

  2. Ein schöner Bericht, und wir sind sogar auch erwähnt (sogar als “nett” :-) ).

    Zu den Rucksackkontrollen: Ich stand dabei als die beiden schnellsten ins Ziel kamen (13 Std.), und bei denen wurde tatsächlich der Rucksack genau kontrolliert.

    Dennoch noch einmal viele Grüße an Euch zwei!

    der Pico

  3. Pingback: Outdoor-Blogosphäre News August 2010 | Outdoor Blog

  4. Ich habe beide Berichte mit großem Interesse gelesen und möchte zu dieser tollen Leistung gratulieren! :)
    In den Anmerkungen zur Ausrüstung sprechen Sie auch Ihr Zelt an.
    Wäre es vielleicht bitte möglich, dass Sie Ihre Eindrücke (evtl. mit Bild)vom Soulo noch ein bisschen weiter ausführen? Ich möchte mir unter Umständen auch dieses Einpersonenzelt zulegen und bin daher eifrig auf der Suche nach Erfahrungsberichten. Zumal es in meiner Umgebung keinen Händler von Hp gibt.

    Viele Grüße

    Astrid

  5. Hallo Astrid,

    einen Testbericht zum Soulo wird es in nächster Zeit noch geben. Kann aber noch etwas dauern.

    Viele Grüße
    Thomas

  6. Hallo Thomas,

    das ist ja super vielen Dank! Vielleicht könntest Du ja in Deinem Erfahrungsbericht auch das eine oder andere Bild mit einbauen.

    Viele Grüße

    Astrid

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