Fjällräven Classics in unter 24 Stunden…

… mit diesem verwegenen Ziel bin ich am 07.08.2010 um 9:00Uhr in Nikkaluokta an den Start gegangen. Viele von euch fragen sich bestimmt, wie kommt man auf diese Idee? Hier die Antwort: Bei der Anmeldung für die Classics letzten Herbst stand für Tomie und mich fest, dass wir auf jeden Fall mit Gold in der Tasche heimkehren wollen. Da wir den Kungsleden letzten Sommer bereits gegangen sind, durchaus ein realistischer Gedanke in maximal 3 Tagen Abisko zu erreichen. Für mich allerdings noch eine Spur zu locker machbar. Ich beginne es als sportliche Herausforderung zu sehen und nach einigem Überschlagen komm ich auf 24 Stunden. Ein grenzwertiges Ziel, was ich jedoch als durchaus erreichbar einschätze – mein Ehrgeiz ist endgültig geweckt. Ich lass mich selten von Dingen abbringen, die ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe und so lass ich alle Zweifler links liegen. Einen Schnitt von 5km/h in diesem Gelände ist alles andere als ein Spaziergang, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Aufregend!

Nicht ganz ein Jahr später sind wir dann also wirklich dabei: Fjällräven Classics 2010. Bereits am 05.08.2010 registrieren wir uns, nehmen unseren Wanderpass entgegen, decken uns mit Essen ein und geben das Gepäck für Abisko auf – alles schön in Ruhe, mit genügend Vorlauf.

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Den offiziellen Start am 06.08.2010 lassen wir uns nicht entgehen und sehen zu wie die ersten 3 Startgruppen ihre Wanderung auf dem Kungsleden beginnen. So hören wir auch immer wieder die Statistiken: 24 Nationen, die meisten Teilnehmer aus Deutschland. Kein Wunder also, dass man mit vielen Leuten einfach (auf deutsch) ins Gespräch kommt. Mich interessiert die Motivation, wieso die anderen an dieser Veranstaltung teilnehmen, weil ich diesbezüglich etwas zwiegespalten bin. Für mich ist es der sportliche Ansporn, dazu in einer traumhaften Kulisse. Außerdem weiß ich welche Dynamik von solchen Massenveranstaltungen ausgeht und wie viel einfacher das Gruppenerlebnis es macht an seine Grenzen zu gehen. Auf der anderen Seite trampeln tausende Leute in kürzester Zeit durch die Landschaft und bringen die Natur damit aus dem Gleichgewicht. Alle die ich Frage teilen meine Skepsis nicht. Die meisten wollen mit den Classics einfach etwas verrücktes machen, dabei die Gegend kennenlernen und vor allem Spaß haben. Ich auch und der beginnt schon mit jedem dieser Gespräche :) Natürlich kommt bei solchen Gelegenheiten auch die Frage auf: “In wievielen Tagen willst du die Strecke laufen?” Verwegen antworte ich: “Hoffentlich in nur einem!” Ich ernte viele skeptische Blicke und müdes Lächeln. Andere sind sofort Feuer und Flamme, wollen mehr wissen, wünschen mir alles gute für den nächsten Tag und beginnen zu überlegen wo wir uns eventuell wiedersehen…

Im Gespräch erfahre ich außerdem von 24h Zeitstrafen, wenn man nicht die vorgeschriebene Mindestausrüstung dabei hat. Also muss ich mein Gepäck noch etwas aufstocken bzw. umpacken, schließlich müssen nun zusätzlich Isomatte, Kocher und lange Unterhosen mit – auch die Klamottenwahl wird jetzt nochmal überdacht.

Meine Füsse sind die unsicherste Komponente für das ganze Unternehmen, entsprechend sorgfältig kümmer ich mich am Abend vor dem Lauf nochmal um diese. Oberste Devise lautet: trocken halten. Deshalb packe ich lieber noch ein Paar mehr Wechselsocken in meinen Rucksack.

Am nächsten Morgen vor dem Start offenbart die Waage das Kampfgewicht meines Rucksacks: 8,5kg – davon ca. 2,5l Wasser. Immerhin keine 25kg, wie die meisten schwedischen Teilnehmer ;) Der Rucksack sitzt gut, nix kneift oder klappert. Die Spannung steigt und ich merke die Nervosität in mir aufsteigen, da geht es auch schon los. Punkt um 9Uhr starten ca. 250 Leute ihr persönliches Fjällräver Classics Abenteuer bei strahlendem Sonnenschein.

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Um Staus an den Holzplanken aus dem Weg zu gehen platziere ich mich gleich ganz vorn, die “echten” Trailrunner stürzen bereits auf den ersten 500m an mir vorbei. Ganz entspannt trabe ich los, checke meine Geschwindigkeit auf dem GPS und befinde sie für gut. An der ersten Pfütze wäre ich beinahe baden gegangen. “Das fängt ja super an!” denk ich mir beim betrachten des Schlammabdruckes an meiner Wade. Da ich weiß, dass mehr passiert, wenn man langsam unterwegs ist, nehme ich diese Aktion als Anlass ein wenig das Tempo zu erhöhen. Schwupp auf die ersten Planken. Diese laden zu einem Zwischenspurt ein. Zügig hab ich wieder auf einige Trailrunner aufgeschlossen und es läuft richtig gut und Spaß macht es zudem auch noch. Immer den wolkenfreien Kebnekaisegipfel im Blick zieh ich bis zum ersten Kontrollpunkt in leichtem Laufschritt durch. Unterwegs treffe ich ein paar Schweden, die wir letzte Woche im Fjäll kennengelernt haben – sie beginnen zu jubbeln und mich anzufeuern. Das gibt zusätzliche Energie und ich erreiche die Kebnekaise Fjällstation deutlich vor meinem eigentlichen Zeitplan bereits um 11:30Uhr. Wow, die 19km gingen vorbei wie nix.

Ich nutze die Örtlichkeiten um mein Wasser aufzufüllen. Dann steht der erste Sockenwechsel an, wenn auch nicht wirklich nötig. Sicher ist sicher! Ich prüfe nochmal, ob ich meinen Wanderpass wieder eingesteckt hab und dann zieh ich weiter. Etwas orientierungslos zugegebener Weise, obwohl verlaufen auf dem Kungsleden quasi ausgeschlossen ist, bieg ich etwas zu früh ab und laufe so mitten durch die Zeltplätze.

Wieder auf der richtigen Spur komm ich in Schwung. Jetzt beginnt auch Neuland für mich. Ungefähr auf halber Strecke nach Singi lauf ich auf eine Truppe auf, die ich vom Vortag kenne. Ich begrüße sie und erkundige mich nach ihrer ersten Nacht im Fjäll, dann wird sich verabschiedet und weitergezogen. Viele Leute suchen sich gerade ein Plätzchen für eine Mittagspause und so ist der Weg fast leer.

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Mir fällt ein, dass die Kamera auch mal benutzt werden kann. So wird kurzentschlossen die Landschaft und ein paar Steinmännchen abgelichtet, bevor die letzten 5km nach zum zweiten Kontrollpunkt abgespult werden.

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14:05Uhr werde ich dort herzlich von dem Kontrollposten empfangen und direkt zum Verpflegungsstand begleitet. Ich komm grad noch dazu eine Nachricht für Tomie zu schreiben. Dann lass mich zu einem Stück Kuchen überreden, ansonsten ziehe ich die Brote aus meinem Rucksack vor – der soll schließlich leichter werden ;) Ich such mir einen bequemen Stein und mach eine ausgiebige Mittagspause, kümmere mich um meine Füße und fülle mein Wasser am Bach wieder auf. Danach muss ich gleich nochmal Socken wechseln ^^ Ein zweites Stück Kuchen wird mir nicht gegönnt :( also entschließe ich mich nach einer reichlichen halben Stunde von dannen zu ziehen…

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In der Ferne taucht die Kuoperjåkkastugan auf. Vorher treffe ich auf einen ganzen Pulk von Leuten mit grünen Fähnchen an ihrem Rucksack. Ich erinnere mich an die Aussage eines Funktionärs, dass dies eine geführte japanische Wandergruppe markiert. Der Blick in die Gesichter der Leute lässt mich dann aber stutzig werden – die sehen überhaupt nicht wie Japaner aus. An der Kuoperjåkkastugan treffe ich wieder bekannte Gesichter, ungläubig erkennen sie mich auch wieder und erkundigen sich nochmal nach meiner Startzeit und wie lang ich vorhabe noch weiterzulaufen. Darauf gibt es nur eine Antwort: “Bis ich in Abisko bin!” Wir quatschen noch eine Weile, dabei erfahr ich auch das Geheimnis der grünen Fähnchen – diese markieren das Mediateam. “Da hat mich der Funktionär wahrscheinlich auf den Arm genommen.” denk ich mir. Dann verabschiede ich mich wieder mit einem “Wir sehen uns in Abisko!”, überhole das Mediateam erneut und kurz vor Sälka auch die geführte japanische Reisegruppe, zumindest einen Teil davon – also wurde ich doch nicht verarscht ;) Die Guides fangen an in die Hände zu klatschen und mich anzufeuern und das gibt nochmal einen Motivationsschub für die letzten 2km.

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Ich bin noch nicht richtig in Sälka angekommen, da seh ich schon wieder bekannte Gesichter, die ich erstmal begrüße. Dann hol ich mir schnell meinen Stempel ab, gönn mir eine Fanta und trinke diese gemütlich ins Gespräch vertieft. Zur Verringerung des Rucksackgewichts esse ich auch noch ne Kleinigkeit. Die Pause wird zur Fußentspannung genutzt und nach einer guten halben Stunde ziehe ich mit besten Wünschen für die restliche Strecke und frischen Socken weiter. Ich hoffe Finn nimmt mir nicht übel, dass ich seine Wette ausgeschlagen habe…

Auf Planken schwebe ich über den modrigen Sumpf und hüpfe dann von Stein zu Stein, um nicht im Schlamm zu versinken. Der Weg zum Tjäktjapass will kein Ende nehmen. Ich hatte das viel kürzer in Erinnerung. Auch der Pass sieht aus dieser Richtung irgendwie anders, scheinbar endlos aus. Jetzt kommen die extra hierfür eingepackten Stöcke zum Einsatz. Sehr gewöhnungsbedürftig, ich stolpere diverse Male drüber und bin fast versucht sie wieder wegzupacken. Aber dann hätte ich sie völlig umsonst mitgeschleppt und das geht ja wohl gar nicht :P

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Kurz vorm höchsten Punkt treffe ich wieder mal ein paar müde deutsche Teilnehmer, die von ihren blutigen Zehen und riesigen Blasen erzählen und dabei trotzdem das Gefühl vermitteln, dass sie Spaß haben und sich auf die nächsten Abschnitte freuen. Nicht sicher ob die Aussage, dass sie gleich am höchsten Punkt der Strecke angekommen sind und es nur noch ca. 5km bis zum nächsten Kontrollpunkt ist, sie zum Weitergehen motiviert, begebe ich mich auf den Weg dorthin.

Auf dem Pass fotografiere ich noch einen anderen Deutschen, der gerade ein Bild vom Tjäktja machen will und dann steig ich hinunter zum Geröllfeld – immer noch mit meinen Stöcken! Diese pack ich aber nach den ersten paar Metern übers Gestein wieder weg – bevor ich mich noch ernsthaft verletze ;) Als die Tjäktjastugan ins Sichtfeld kommt, versuche ich verzweifelt das blaue Checkpointzelt zu erkennen. Dann steh ich auf einmal vor einem Schild. Links geht’s zur Stuga und rechts zum Checkpoint. Rechts steht tatsächlich ein Zelt, aber das ist nicht blau und sehr belebt sieht das auch nicht aus.

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Also geh ich einfach mal weiter und ich verfluche mich innerlich meine Brille nicht eingepackt zu haben. Wenige Minuten später borge ich mir die Augen von 2 Schweden, die mir bestätigen, dass in der Ferne das blaue Checkpointzelt zu erkennen ist und ich entspann mich wieder. Erst als ich meinen Wanderpass zum Stempeln auspacke und aufschlage bekomme ich fast einen Herzschlag, weil ich den Stempel von Sälka nicht finden kann. Aber er ist da, bloß nicht an der üblichen Stelle…fiese Angelegenheit. Auf den Schreck brauch ich erstmal einen Schokoriegel. Wirklich gemütlich ist es hier aber nicht mehr, die Mücken fallen über mich her und langsam wird es frisch. Es ist kurz nach 20Uhr verrät der Blick aufs GPS.

Da taucht auf einmal jemand mit einem Geocaching Cap auf und ich erkundige mich, ob er den Muorastistjåkka Cache schon gemacht hat, oder eventuell noch machen will. Meine Empfehlung wegen der phantastischen Aussicht scheint ihn nicht zu überzeugen, als ich auf den Berg deute auf den man dafür rauf muss. Bevor die Mücken mich auffressen entschließe ich mich zum Aufbruch. Ich erkundige mich wie weit es bis Alesjaure ist und lauf nach blitzschnellem Sockentausch los.

Auf einmal scheinen alle Steine verschwunden zu sein und man läuft auf weichen ausgetretenen Wegen über grünes Gras. Ich treffe ein paar Rentiere, die sich von mir überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen. Eine Schwedin, die sich gerade ihre Schuhe bindet, fragt mich ob ich ihren Rucksack weitertrage – sie habe 17kg dabei und der Mann der sie begleitet ebenfalls. Ich frage was sie denn so schweres dabei haben und dann kommt sie aus dem erzählen nicht mehr raus. Sie haben alles doppelt dabei, weil sie nur befreundet sind – auch 2 Zelte und 2 Küchen. Ich vertiefe das Thema Küche nicht, sondern lenke das Gespräch auf den Streckenverlauf. Als ich vom Kebnekaise erzähle, hab ich mich entgültig festgequatscht. Der Mann drängt aber zum weitergehen, wegen der Mücken und so zieh ich auch einen Kreis. Rauf auf die Planke und die verlorene Zeit wieder reinlaufen. Da seh ich auf einmal 2 Leute mit Hund in der Ferne, die mir zuwinken. Ich werde mit einem “Du bist aber früh dran!” empfangen und mit selbst gemachten Müsli- und Nussnacks verköstigt, sogar die Cola darf ich austrinken. Geplättet von der Fürsorge und der Euphorie, dass ich schon ca. 2 Stunden vor Mitternacht in Alesjaure sein werde, schwatz ich mich auch hier nochmal ein Weilchen fest, bis ich daran erinnert werde, dass ich noch ein langes Stück vor mir hab bis Abisko. Eigentlich bin ich ganz froh zu stehen, denn langsam beginnt mein rechtes Knie beim Laufen zu schmerzen – speziell bergab. Aber die beiden haben Recht und so kehre ich zurück auf die Plankenautobahn.

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Kurz vor Alesjaure schlage ich mir dann den rechten großen Zeh an – höllische Schmerzen und ich glaube, der Zeh fällt gleich ab. Zumindest ist der Schmerz im Knie nur noch Nebensache. Kurz vor Alesjaure halte ich an einem Lagerfeuer und schwatze noch kurz mit ein paar jungen Deutschen, die den Kungsleden wandern und in Abisko angefangen haben – ich werde als Thüringerin identifiziert und das verursacht Jubel bei einem Mädel aus Erfurt. Danach lass ich sie wieder in Ruhe und erreiche gegen 22:30Uhr den Kontrollpunkt Alesjaure.

Jetzt wird es Zeit sich etwas wärmer anzuziehen. Also packe ich meine “lange Unterhose” – Lauftight aus, zieh sie an, wechsle wieder meine Socken und schau mir bei dieser Gelegenheit meinen angeschlagenen Fußzeh an. Sieht gar nicht schlimm aus, als wenn nix passiert wär. Trotzdem ist es Zeit für Schmerzmittel, dazu noch ein Käffchen. Das Knie schmiere ich auch noch mit einem Kühlgel ein, bevor ich mir meine Jacke überziehe und in die Dunkelheit Richtung Kieron aufbreche.

Ich vergesse bei der ganzen Umzieh- und Pflegeaktion mein Wasservorrat aufzufüllen, deshalb hole ich das an der Bootsanlegestelle am See nach. Dort ist das Tappen durch den Sumpf zum Glück vorbei und die Planken sind ab hier auch nicht mehr locker. Trotzdem nimmt der Abschnitt entlang des Sees kein Ende und auch der Kartinvare scheint sich immer weiter zu entfernen, als näher zu kommen. Beim Abstieg nach Kieron gelüstet es mich schon nach den Pfannkuchen, die es an dieser Station geben soll. Der Appetit ist so groß, dass ich meine 2 Packungen Nüsse auf der kurzen Strecke vernichte. Den Checkpoint finde ich fast nicht, weil überall Zelte stehen und es trotz Dämmerung zu dunkel für mich ohne Brille ist. Als ich den Zeltirrgarten durchquert habe, sehe ich das blaue Zelt – es ist leer…

Kurz vor dem Zelt werde ich dann aber von 2 Kontrollposten begrüßt, die sich direkt um meine Pfannkuchenversorgung kümmern, während ich selbst stempeln darf. Es ist 2:16Uhr. Auch hier hinterlasse ich wieder Grüße für Tomie. Meine erste Portion Pfannkuchen landet auf dem Boden, weil der Griff von meinem Topfdeckel umklappt, aber im Nu bekomme ich Ersatz mit viel Sahne und viel Marmelade. Zu viel für meinen Geschmack, aber ich verputze alles restlos und spüle es mit Kaffee runter, in der Hoffnung so die heranschleichende Müdigkeit zu vertreiben. Ich beneide die beiden Kontrollposten um ihre G1000 Hosen, während ich mich von den Mücken stechen lasse. Das Socken wechseln ist in dieser Mückenhölle ein schwieriges Unterfangen und irgendwie sind die Socken an meinem Rucksack alle klamm – wohl von dem kurzen Nieselregen beim Umrunden des Kartinvare, egal sind ja nur noch 17km bis zum Ziel.

Noch immer sind auch andere Teilnehmer auf den Beinen und ich überhole 2 von ihnen kurz nach dem Weiterlaufen. Ich bin beeindruckt von dem Zustand der Planken. Der Abschnitt war im Sonnenaufgang schöner, als in meiner Erinnerung. Mit dem GPS habe ich die Fjällstation Abisko angewählt und jeder Blick aufs Gerät lässt den Frust in mir wachsen. Ich komm einfach nicht näher. Als ich ein Schild mit der Info “Noch 10,5km” vorbeikomme, ist der Tiefpunkt erreicht – auf dem GPS sind es deutlich mehr als 10,5km.

Ab und zu muss ich kurz anhalten, mich auf meinen Oberschenkeln abstützen und kurz die Augen schließen. Der Pfannkuchen meldet sich regelmäßig wieder, speziell die Marmelade und ich muss ständig Wasser trinken, weil mir so schlecht ist. Irgendwann taumle ich an dem Schild “3km” vorbei und entscheide mich die Angabe nicht auf dem GPS zu überprüfen. Das war eine gute Entscheidung. Denn dies sollten die längsten 3km meines Lebens werden.

Als ich das Starthäuschen des Kungsleden erreiche, suche ich vergeblich das blaue Kontrollpunktzelt. Ich sehe ein paar Markierungen, die unter der Strasse langführen und folge ihnen. Dann taucht es endlich vor mir auf, eine Frau empfängt mich dort mit Hände klatschen und gratuliert mir zum erreichen des Ziels. Um 5:33Uhr wird das letzte Mal  mein Pass abgestempelt und sie überreicht mir meine Goldmedaille und eine Fjällräventüte mit Werbung und einem Katalog.

Unter 24h! Yippi. 20h 33min 33s!

Ich frage, wo ich jetzt meinen Rucksack überprüfen lassen muss – schließlich soll es ja Zeitstrafen geben, wenn man etwas von der vorgegebenen Liste nicht dabei hat. Sie lächelt mich an und sagt, dass nicht jeder Rucksack kontrolliert wird, sondern nur stichprobenartig vor allem die ganz winzigen Rucksäcke der Trailrunner überprüft werden. Sie erklärt mir noch wo ich mein vorgeschicktes Gepäck abholen kann, dort wird erst im zweiten Anlauf mein Rucksack gefunden. Auf die Frage, wo ich mein Zelt aufbauen kann wird nur mit Schulterzucken reagiert und man schickt mich auf den ausgeschilderten Campingplatz, wo ich schnell das Zelt aufstelle und dann erstmal unter die Dusche gehe. Mein Knie tut verdammt weh, mein Fußzeh ist vereitert und ich hab mir noch ein paar Blasen auf dem letztem Abschnitt gerieben - ich werf noch eine Schmerztablette ein und krieche in meinen Schlafsack…

 


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14 thoughts on “Fjällräven Classics in unter 24 Stunden…

  1. Ein neuer deutscher Blitz!

    So wurde ich 2009 genannt als ich von Abisko an einem Tag 48km auf dem Kungsleden
    gelaufen bin :-)

    Da bist Du ja noch ein bisschen weiter gekommen.

    CU

    Carsten

  2. Ich hatte ja schon an dem einen Checkpoint deine weißen Socken bewundert und dann festgestellt, dass du deine Schuhe und Socken ausgezogen hattest. Und der Schlamm sah richtig Klasse an deinen Waden aus :-).

    Auch die Wette mit Finn wäre für ihn in die Hose gegangen.

    Aber das du 20,5 Stunden nur benötigst, bestärkt mich in meinem auch geäußerten Eindruck, dass du einen an der Klatsche hast. Und meinen tiefen Respekt für diese “verrückte” Leistung hast.

    Also: Toll das es so Menschen wie dich gibt…. fetter Respekt. Tolle Leistung und danke für den Ansporn den gerade du mit deiner Leistung ausstrahlst.

    Die zwei blonden Vater und Sohn Wanderer

    Wir haben mit viel viel Zusprache und Mentalunterstützung für Finn insgesamt 80,5 Stunden benötigt. Und der Biss von Finn erhält auch einen riesen Lob und Respekt von mir.

  3. @Andreas und Finn Soliga
    Hallo ihr Zwei,

    vielen Dank für die netten Grüße. Und auch an euch herzlichen Glückwunsch für die tolle Leistung. In Absiko hatten wir ja leider keine Gelegenheit mehr uns zu unterhalten – ich hab euch nur im Auto davonfahren sehen…

    Ohne so klasse Menschen wie euch bei der Veranstaltung hätte ich sicher nicht so viel Spaß gehabt. Die offenen, netten Gespräche und die Begeisterung mit der mich viele unterwegs unterstützt und angefeuert haben, waren verdammt wichtig für die Moral.

    Machst es gut und viel Spaß für euer nächstes verrücktes Abenteuer, was bestimmt nicht lange auf sich warten lässt.
    Beste Grüße von der Caro, die manchmal auch einen an der Klatsche hat ;-)

  4. @Jaddar
    Vielen Dank. Alle Schmerzen sind vergessen und die Beine und Füße sind wieder wie neu.
    Bereit für neue Herausforderungen ;-)

    Ciao, die Caro

  5. Der Titel gehört dir :) Sicher warst du mit mehr Gepäck unterwegs und zudem mit anderen Motiven!
    Danke, Caro.

  6. @Carsten
    Der Titel gehört dir :) Sicher warst du mit mehr Gepäck unterwegs und zudem mit anderen Motiven!
    Danke, Caro.

  7. Wie sagt Andii ein oder zwei mal: Du bist der Hammer! :-)

    Freut mich das wir Dich mit unserer kleinen Inspektion gut unterstützen konnten! Mah weiter so, das Leben ist zu kurz um keinen an der Klatsche zu haben! :-)

    Viele Grüße
    Pico

  8. Hallo,

    schön von dir (euch) zu hören. Wieder im Lande also.
    Klar hat die “Inspektion” geholfen. Ein Wunder, dass mir bei dieser Fürsorge keine Flügel gewachsen sind ;)
    Allein weil man jede Menge tolle Menschen trifft, lohnt es sich bei den Classics dabei zu sein. Danke!

    Schöne Grüße auch an Andi und Ronja,
    Caro

  9. Hallo und Respekt für deine Leistung!

    Wäre sehr daran interessiert, was genau du an Gepäck dabei hattest.

    Schöne Grüße
    Perka

  10. Pingback: Outdoor-Blogosphäre News August 2010 | Outdoor Blog

  11. Gratulation zu deiner Leistung und deinem Durchhaltevermögen :) Ein wirklich toller Bericht! Es wird wirklich Zeit, dass ich mich auch mal für den Classic anmelde …

    Schade, dass wir uns nicht auf der OutDoor Messe getroffen :(

  12. @Perka: Sorry für die späte Antwort. Hier kannst du meine Packliste von den FRC finden: Packliste
    Die durchgestrichen Dinge würde ich beim nächsten Mal weglassen und hier und da sicher noch leichtere Sachen einpacken (Schlafsack, Topf,…)

    Ciao, Caro

  13. Hallo Caro,

    ich bin beeindruckt. Mich würde mal Deine Vorbereitung interessieren. Es wäre total nett, wenn Du mir ein paar Einblicke schreibst. Ich habe dieses Jahr dasselbe vor und Dein Bericht hat mich sehr motiviert. Was für Schuhe hattest Du an? Oh …. ich könnte Dir 1000 Fragen stellen :)).

    Freu mich auf Antwort. Bin sehr happy.

    Netten Gruß
    Monika

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